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Flugscham
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Der Begriff Flugscham (vom Schwedischen flygskam, im Englischen als flight shame bezeichnet) ist ein Neologismus, der im Jahr 2017 entstand. Wortwörtlich beschreibt das Konzept die Empfindung von persönlicher Scham bei der Benutzung von Verkehrsflugzeugen bzw. bei dem Gedanken daran, dass sie diese benutzen könnten. In diesem Sinn definierte der ADAC im Juni 2023 den Begriff Flugscham fĂŒr seine Mitglieder mit den Worten: âFlugscham nennt man dieses neue Unwohlsein, das Menschen empfinden, die sich der klimaschĂ€dlichen Tragweite ihrer Reise bewusst sind, aber dennoch fliegen.âcite-ref-1[1]
Der Begriff wurde 2019 zu einem der drei Deutschschweizer Wörter des Jahres gewÀhlt. Seit 2020 steht das Wort im Duden.cite-ref-duden-2-0[2]
Umfragen in mehreren europĂ€ischen LĂ€ndern zeigten damals, dass ein erheblicher Anteil der Befragten angab, sich fĂŒr ihre Flugreisen zu schĂ€men oder ihr Verhalten in Bezug auf Flugreisen aufgrund von Flugscham geĂ€ndert zu haben. In einigen LĂ€ndern zeigte sich, dass die meisten dieser Angaben ernst zu nehmen waren, so dass dort die Nachfrage nach FlĂŒgen bereits vor der COVID-19-Pandemie zurĂŒckging. Zum Teil ist dieser Effekt darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass eine Reihe von Organisationen ihre Reiserichtlinien dahingehend Ă€nderten, dass diejenigen, fĂŒr die diese Richtlinien verbindlich sind, auf kĂŒrzeren Strecken andere Verkehrsmittel zu benutzen haben.
Contents
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Begriffsbestimmung
âFlight shameâ vs. âflight shamingâ
Der Begriff Flugscham ist ein Neologismus und eine Ăbersetzung des schwedischen âflygskamâ.
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Hauptartikel
:
SchamgefĂŒhl
âFlight shameâ
Oxford Dictionaries definiert das englische flight shame als âUnwillen, mit dem Flugzeug zu reisen, weil Flugzeuge schĂ€dliche Treibhausgase und andere Schmutzstoffe verursachenâ (âA reluctance to travel by air, or discomfort at doing so, because of the damaging emission of greenhouse gases and other pollutants by aircraftâ).cite-ref-3[3] Akut wird âFlight shameâ dann, wenn dadurch eine kognitive Dissonanz eintritt, dass der Flugscham Empfindende dennoch eine Flugreise unternimmt.
âFlight shamingâ
Der Begriff âFlugschamâ wird im Deutschen auch oft im Sinn des englischen Begriffs flight shaming verwendet. Damit ist die BeschĂ€mung anderer gemeint, von denen ein (umfassender) Verzicht auf Flugreisen erwartet wird. Jedermann sollte demnach ein SchamgefĂŒhl schon bei dem bloĂen Gedanken an eine Flugreise haben.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]
FĂŒr Friedrich W. Stallberg besteht der Wirkungsmechanismus von BeschĂ€mungsstrategien im Allgemeinen darin, dass eine âinteraktive BloĂstellung einer Personâ beabsichtigt sei, der man âNormbrĂŒche, Makel und Fehleistungenâ zuschreibe.cite-ref-6[6]
Folgen von âflight shameâ und âflight shamingâ
Flugscham kann dazu fĂŒhren, dass Reisen stattdessen mit weniger klimabelastenden Verkehrsmitteln durchgefĂŒhrt werden, beispielsweise mit der Eisenbahn.cite-ref-bbc-flight-shame-7-0[7]
Verzicht auf alle Flugreisen vs. Verzicht auf bestimmte Flugreisen
In einer radikalen Variante wird von allen Menschen erwartet, dass sie nie wieder eine Flugreise antreten. Konsequenterweise reiste Greta Thunberg als Vertreterin dieser Auffassung zur UN-Klimakonferenz in New York im August/September 2019 mit einer Rennyacht ĂŒber den Atlantikcite-ref-8[8] sowie auf der RĂŒckreise ĂŒber den Atlantik im November 2019 mit einem Katamaran.cite-ref-9[9] Im MĂ€rz 2020 zeigte die ehemalige evangelische Bischöfin Margot KĂ€ssmann UnverstĂ€ndnis fĂŒr die Forderung nach einem vollstĂ€ndigen Verzicht auf FlĂŒge: âNicht jede kann wie Greta Thunberg mit einem Privatsegler den Atlantik ĂŒberqueren. Es wird Konferenzen geben mĂŒssen, auf denen Nationen oder Konzerne sich verstĂ€ndigen. Skypekonferenzen sind gut, aber manchmal braucht es Verhandlungen von Angesicht zu Angesicht. Auch fĂŒr Gemeindepartnerschaften ist es gut, wenn wir uns persönlich begegnen, mal in Deutschland, mal in Ăthiopien beispielsweise. Es ist wichtig, dass junge Leute ein freiwilliges soziales Jahr in Brasilien oder Indonesien verbringen, weil solche Erfahrungen prĂ€gen, den Horizont erweitern. Und ja, dafĂŒr mĂŒssen sie fliegen.âcite-ref-10[10]
Die britische Journalistin Jocelyn Timperley benutzte am 10. September 2019 in der Ăberschrift ihres Beitrags fĂŒr die BBC den Begriff âFlugschambewegungâ.cite-ref-bbc-flight-shame-7-1[7] Die Journalistin bekannte sich dazu, in fĂŒnf Jahren zweimal eine Strecke mit einem Flugzeug zurĂŒckgelegt zu haben, weil ihr der Zeitaufwand fĂŒr eine andere Form des Reisens als zu groĂ erschienen sei. Ihrer Ansicht nach gehe es nicht darum, Menschen davon abzuhalten, die Welt zu erkunden. Es gehe darum, fĂŒr die langsamen, bewussten Reisen zu werben, die ohne Luftfahrt in einer vertretbaren Zeitdauer möglich seien.
Begriffsgeschichte
Das Konzept âVermeidung von Flugreisenâ vor Aufkommen des Begriffs Flugscham
Das Konzept Flugscham, also das Bewusstsein um die UmweltschĂ€dlichkeit von Flugreisen und in der Konsequenz die Vermeidung von Flugreisen, wurde schon lange vor Aufkommen des Begriffs Flugscham praktiziert. Jocelyn Timperley schrieb 2019 in ihrem Artikel ĂŒber Flugscham, dass sie seit Jahren Flugreisen wegen ihrer CO2-Bilanz im Prinzip vermeide.cite-ref-bbc-flight-shame-7-2[7] In der WDR-5-Sendung âFlugscham â wie reisen Sie?â sagte eine Hörerin, dass sie 1990 entschieden habe, wegen der Klimafolgen des Flugverkehrs nicht mehr zu fliegen, und dass sie dies auch bis heute (MĂ€rz 2019) so handhabe.cite-ref-11[11] Der Guardian veröffentlichte 2019 einen Artikel, der die verschiedenen Motivationen von Personen herausstellt, die entweder ganz aufs Fliegen verzichten, oder aber die Anzahl an Flugreisen sehr stark reduziert haben. Viele der vorgestellten Personen tĂ€tigten ihren letzten Flug Anfang der 2000er Jahre, also viele Jahre vor Aufkommen der Diskussion ĂŒber den Begriff Flugscham.cite-ref-12[12]
Auch die schwedischen Vorreiter Malena Ernman und Björn Ferry sind schon seit 2016 und damit vor Aufkommen des Begriffs Flugscham aufgrund der Klimakrise nicht mehr geflogen.cite-ref-n-tv-20815814-13-0[13]cite-ref-14[14]
Eingang in den Sprachgebrauch
Ende 2017 erklĂ€rten in Schweden mehrere Prominente, dass sie nicht mehr fliegen wĂŒrden. Dieses Verhalten wurde als Ausdruck von flygskam interpretiert.cite-ref-15[15]
Der Rat fĂŒr Schwedische Sprache wĂ€hlte 2019 âflygskamâ unter die 33 Wörter, die sich 2018 im Schwedischen etabliert haben.cite-ref-spr-ktidningen-2019-16-0[16] Das Wort Flugscham drĂŒcke auch einen Wertewandel aus. WĂ€hrend Flugreisen frĂŒher als Statussymbol gegolten hĂ€tten, âhĂ€nge ihnen nun etwas Peinliches anâ, schrieb eine bekannte schwedische Zeitung.cite-ref-stutti-frutti-17-0[17]
Der Linguist Olaf GĂ€tje datiert den Startpunkt des Hypes im Umfeld des deutschsprachigen Begriffs Flugscham auf den 14. November 2018. An diesem Tag wurde ein Artikel zur PersonenmobilitĂ€t bzw. zum VerhĂ€ltnis von Flug- und Schienenverkehr in Schweden in dem Online-Magazin klimareporter.de veröffentlicht, in dem das Wort Flugscham benutzt wird und der auch das Thema flygskam zum Thema hat. Den steilen Anstieg des Begriffsgebrauchs bis zum Dezember 2019 fĂŒhrt GĂ€tje auf die Berichterstattung ĂŒber die Bahnreise Greta Thunbergs zur UN-Klimakonferenz nach Katowice am Anfang des Monats zurĂŒck. Eine âSchwarmaktivitĂ€tâ unter AnhĂ€ngern und Sympathisanten der Klimabewegung löste GĂ€tje zufolge die erste Benutzung des Hashtags #Flugscham bei Twitter aus. Diese datiert GĂ€tje ebenfalls auf den 14. November 2018.cite-ref-18[18] FĂŒr das im November 2018 in Deutschland gestartete âsemantische Konzeptâ (GĂ€tje) zur BeschĂ€mung von Menschen, die keine Flugscham zu empfinden behaupten, spielte GĂ€tje zufolge die Verwendung des Begriffs Flugscham eine zentrale Rolle.cite-ref-19[19] In dieser Verwendung des Begriffs komme eine âdeontische Logikâ zum Ausdruck, die mit dem Anspruch der AllgemeingĂŒltigkeit der Norm des Flugverzichts verbunden sei. Mit dieser These werde das Recht begrĂŒndet, von anderen zu erwarten, dass diese sich schĂ€men mĂŒssten, wenn sie an vergangene, geplante und/oder aktuell stattfindende Flugreisen dĂ€chten.cite-ref-20[20] Zu klĂ€ren sei â so GĂ€tje â, wie stark der ânormative Druckâ tatsĂ€chlich sei, der âdie Mitglieder der Gesellschaft affiziert, die die Entscheidung fĂŒr Flugreisen nicht mit SchamgefĂŒhlen in Verbindung gebracht sehen wollenâ.
Die Existenz solcher âMitglieder der Gesellschaftâ machte sich bereits 2018 in Schweden bemerkbar. Deutsche Medien berichteten im November 2018 darĂŒber, dass einige Schweden Flygskam als âVolkskrankheitâ bewerteten, die dafĂŒr verantwortlich sei, dass die Fluggastzahlen in Schweden sinken und die Bahnfahrgastzahlen steigencite-ref-21[21]
Im MĂ€rz 2019 strahlte der Westdeutsche Rundfunk (WDR) eine Radiosendung aus, in der Zuhörer live ihre EinschĂ€tzung zu Flugscham und den Verzicht aufs Fliegen aus KlimaschutzgrĂŒnden darlegten.cite-ref-wdr5-22-0[22]
Flugscham wurde auch durch die Berichterstattung ĂŒber die konsequente Vermeidung von Flugreisen durch Greta Thunberg bekannt, insbesondere durch ihre Methode, den Atlantischen Ozean ohne Benutzung eines Flugzeugs zu ĂŒberqueren (siehe oben).
Im Laufe des Jahres 2019 fand der Begriff Flugscham dadurch endgĂŒltig Eingang in die deutsche Alltagssprache, dass er auch hier von Gegnern der Auffassung aufgegriffen wurde, wonach jeder, der mit einem Flugzeug fliege, Flugscham empfinden mĂŒsse:
âIch warne auch davor, jetzt Flugscham zu fördern.â
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Bundesverkehrsminister Scheuer
âWenn ich Flugscham höre, kriege ich Blutdruck.â
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Raoul Hille (Flughafenchef Hannover)
ErklĂ€rt werden können die heftigen Abwehrreaktionen durch Olaf GĂ€tjes Hinweis, dass diejenigen, die Flugwillige zu beschĂ€men versuchten, damit rechnen mĂŒssten, dass âdie propagierte Assoziierung von Flugreisen mit SchamgefĂŒhlen von Teilen der Gesellschaft als Tugendterror von Moralaposteln bewertetâ werde, âmit der die Selbstbestimmung des Individuums unzulĂ€ssig eingeschrĂ€nktâ werde.cite-ref-25[25]
Bei der Wahl des Deutschschweizer Wortes des Jahres 2019 kam Flugscham auf den dritten Platz. Platz 2 wurde von dem Wort âKlimajugendâ belegt. FĂŒr die französische Schweiz wurde âFlygskamâ unter die ersten Drei gewĂ€hlt. BegrĂŒndet wurde die Wahl von Flugscham u. a. damit, dass dieses Wort 2019 zum Thema geworden sei.cite-ref-27[27] Auch fĂŒr das österreichische Wort des Jahres 2019 war Flugscham auf der Liste der 10 Kandidaten.cite-ref-28[28]
Das Englische flight shame kam bei der Wahl des Wortes 2019 durch Oxford Dictionaries auf die Shortlist. GewÀhlt wurde allerdings nur climate emergency (Klimanotstand).cite-ref-29[29]
Auch in der Wissenschaft findet der Begriff inzwischen Verwendung.cite-ref-30[30] Von besonderer Bedeutung ist eine im Jahr 2020 veröffentlichte Studie mit dem Titel âZur LegitimitĂ€t des Fliegens. Eine Diskurserweiterung der Flugscham-Debatteâ.cite-ref-31[31] Das Institut fĂŒr sozial-ökologische Forschung untersuchte den Sprachgebrauch in sechs deutschen Online-Leitmedien im Zeitraum vom 1. April bis 31. August 2019 in allen frei zugĂ€nglichen Artikeln, welche sich direkt oder indirekt mit dem Thema Flugscham beschĂ€ftigen. Das Wort âFlugschamâ kam in vielen themenbezogenen Artikeln vor, in der âSĂŒddeutschen Zeitungâ in 23 Artikeln, in der âtazâ in 38 Artikeln.cite-ref-32[32] Die Benutzung des Wortes âFlugschamâ wirke in den untersuchten Artikeln âkatalytischâ in einem auch ohne die Begriffsverwendung laufenden Diskurs. Deutlich werde dies daran, dass der Begriff nicht in allen untersuchten Artikeln vorkomme; âoffensichtlich konnte auch ĂŒber das Fliegen und seine Folgen fĂŒr das Klima diskutiert werden, ohne den Begriff Flugscham zu verwenden.â Die Forscher fanden weiterhin heraus, dass es in einem Drittel der FĂ€lle, in denen das Wort Flugscham benutzt wurde, um die Beschreibung âreflexiver Schamâ gehe, also darum, dass jemand sich schĂ€mt, in zwei Drittel der FĂ€lle jedoch darum, dass Personen von anderen Personen (âtransitivâ) beschĂ€mt wĂŒrden.
Auch nach dem Ende des âinternationalen Gesundheitsnotstandesâ wegen des Ausbruchs der COVID-19-Pandemie wird der Begriff âFlugschamâ noch benutzt. Ein Beispiel hierfĂŒr ist der vom Bayerischen Rundfunk am 30. Mai 2023 ausgestrahlte Beitrag: âFlugscham ade? UrlaubsflĂŒge sind wieder im Aufwindâ. Einerseits belegt der Sendungstitel, dass der Begriff noch in Gebrauch ist. Andererseits erklĂ€ren die Autoren des Beitrags: âDer Begriff Flugscham ist zwar aus der Klima-Debatte verschwunden, aber seit 2019 verfolgen die Tourismusforscher der Hochschule MĂŒnchen, dass der Wunsch nach einer möglichst geringen Klimabelastung zunimmt.âcite-ref-33[33] Ein weiteres Beispiel ist ein Bericht von tagesspiegel.de vom MĂ€rz 2023: In der Ăberschrift heiĂt es: âDie Flugscham wird wiederkommenâ. Die Aussage wird im Text mit den Worten erlĂ€utert: â[W]ir werden wieder in eine Art Flugbewusstseinsphase kommen, in der man von anderen zunehmend kritisch gesehen wird, wenn man fliegt.âcite-ref-34[34]
Klimawissenschaftlicher Hintergrund
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Hauptartikel
:
Umweltauswirkungen des Luftverkehrs
Klimawissenschaftler gehen von einem CO2-Budget aus,cite-ref-35[35] bei dessen Ăberschreitung unvorhersagbare Folgen eintreten wĂŒrden, etwa der Zustand des Treibhauses Erde, der zu fĂŒr den Menschen lebensfeindlichen Bedingungen fĂŒhren wĂŒrde und bereits beim Erreichen des im Pariser Ăbereinkommen festgelegten Zwei-Grad-Zieles eintreffen könnte.cite-ref-steffen2018-36-0[36] Bei einem im Jahr 2017 durchschnittlichen AusstoĂ von ungefĂ€hr 40 Gigatonnen CO2-Ăquivalente pro Jahr verbleiben der Menschheit ab jenem Jahr im Falle einer ausbleibenden VerĂ€nderung des AusstoĂes je nach angenommenem CO2-Budget noch etwa 20 bis 30 Jahre, bis dieses Budget ausgeschöpft ist; danach dĂŒrften wegen der nur sehr langfristigen Absorbierung von Treibhausgasen durch das Erdsystem ĂŒber Jahrtausende keinerlei Treibhausgase mehr ausgestoĂen werden. Um auch langfristig das Klimasystem fĂŒr die menschliche Spezies in einem angemessenen Rahmen zu halten, ist somit sowohl ein rascher Verzicht auf neue Treibhausgase sowie eine Entfernung bereits vorhandener Treibhausgase durch negative Emissionen vonnöten.
In einer Pressemeldung des EuropĂ€ischen Parlaments wurde 2022 festgestellt, dass der Luftverkehr fĂŒr 2â3 % der weltweiten und 3,7 % der CO2-Emissionen in der EU verantwortlich sei. Obwohl die COVID-19-Pandemie eine zeitweilige Reduktion des Luftverkehrs bewirkt habe, wĂŒrden Vorhersagen auf ein jĂ€hrliches Wachstum des weltweiten SchadstoffausstoĂes des Luftverkehrs und auch in der EU (um 53 % im Vergleich zu 2017) bis 2040 hindeuten.cite-ref-37[37]
Vor diesem Hintergrund sind die Umweltauswirkungen des Luftverkehrs erheblich. So sind Flugreisen nach Angaben des deutschen Umweltbundesamtes die klimaschĂ€dlichste Art der Fortbewegung.cite-ref-n-tv-20815814-13-1[13] Beispielsweise verursacht ein Flug von Deutschland auf die Malediven und zurĂŒck pro Person mehr als fĂŒnf Tonnen Kohlenstoffdioxid,cite-ref-n-tv-20815814-13-2[13] was knapp der HĂ€lfte der durchschnittlichen Jahresbilanz eines Deutschen entspricht. Flugreisen lassen sich fĂŒr etwa 4,9 % der weltweiten Emissionen verantwortlich machen,cite-ref-38[38] von denen rund 2,5 % direkt CO2 zuzuordnen sind.cite-ref-39[39] Sie werden von rund 10 % der Weltbevölkerung verursacht, wohingegen etwa 90 % der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug bestiegen haben.cite-ref-40[40]
Dabei ist zu berĂŒcksichtigen, dass zwar die Effizienz der Flugzeuge gestiegen ist und noch steigen wird,cite-ref-41[41] dies jedoch die erfolgte oder prognostizierte Zunahme des Luftverkehrs nicht annĂ€hernd kompensieren kann.cite-ref-42[42] Weiterhin ist anzumerken, dass der direkte KohlendioxidausstoĂ des Flugverkehrs pro Personenkilometer zwar vergleichbar mit dem eines Personenkraftwagens (PKW mit 1,4 Personen, Jahr 2020) ist, jedoch entstehen aufgrund der Flughöhe unter anderem durch Partikel und Stickoxide sekundĂ€re Effekte der Klimabeeinflussung, die den direkten Kohlendioxideintrag ĂŒbertreffen. Weiterhin sind die Reisewege bei Flugreisen wesentlich lĂ€nger als bei Reisen mit dem PKW. Der internationale Flugverkehr ist fĂŒr den gröĂten Teil der Flugverkehr-Emissionen und deren Zunahme verantwortlich, obwohl LangstreckenflĂŒge wegen der groĂen Flughöhe (geringerer Luftwiderstand), des relativ geringeren Anteiles von Starts und Landungen sowie der höheren Auslastung wesentlich effizienter sind als Kurzstrecken- bzw. InlandflĂŒge.cite-ref-43[43]
Erscheinungsformen und AusmaĂ von Flugscham
Bei der Auswertung von Zahlen und Quoten zur Flugangst und zum zivilen Passagierflugverkehr mĂŒssen die Jahre 2020 bis 2022 gesondert betrachtet werden, da die COVID-19-Pandemie wĂ€hrend dieser Zeit einen internationalen Gesundheitsnotfall auslöste, der erst im FrĂŒhjahr 2023 von der WHO fĂŒr beendet erklĂ€rt wurde. In der Zeit dieses Notfalls wurden FlughĂ€fen geschlossen und Flugangebote stark reduziert. Potenziell an einer Flugreise Interessierte unterlagen MobilitĂ€tsbeschrĂ€nkungen, auch in der Form des Verbots der Einreise in viele LĂ€nder. Von daher sind erst Daten aus der Zeit ab 2023 mit denen bis 2019 vergleichbar. Das Aufkommen des Luftverkehrs im deutschen Luftraum sank im Jahr 2020 auf das Niveau von vor 1989. 2020 wurden im gesamten deutschen Luftraum 1,46 Millionen FlĂŒge verzeichnet, d. h. 56,2 Prozent weniger als im Vorjahr.cite-ref-44[44] Der RĂŒckgang des Passagieraufkommens der zehn gröĂten FlughĂ€fen in Europa war in MĂŒnchen mit 65,3 Prozent am gröĂten. Im 1. Halbjahr 2023 betrug das Passagieraufkommen des Luftverkehrs in Deutschland wieder 74 Prozent des Werts vom 1. Halbjahr 2019.cite-ref-45[45]
Im Jahr 2019 kam es in Deutschland nicht zu einer Verringerung der Anzahl von Flugreisen. Zwar gaben in einer reprĂ€sentativen Ipsos-Umfrage im Auftrag des TĂV-Verbands 17 Prozent der Befragten an, 2019 auf einen Flug oder mehrere FlĂŒge verzichtet zu haben. TatsĂ€chlich stieg aber die Zahl der Flugpassagiere nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in den ersten sieben Monaten des Jahres 2019.cite-ref-46[46]
Umfrageergebnisse
Bis 2019
In einer Umfrage der World Wildlife Foundation von MĂ€rz 2019 gaben 20 % der Befragten an, zugunsten der Umwelt schon mal auf eine Flugreise verzichtet zu haben.cite-ref-stern-47-0[47]
In Belgien haben nach einer Umfrage der Agentur WES 28,4 % der Befragten ihr Verhalten in Bezug auf Flugreisen aufgrund der Besorgnis ĂŒber die Globale ErwĂ€rmung angepasst; 43 % verhielten sich eigenen Angaben zufolge unverĂ€ndert.cite-ref-48[48]
Das Magazin Stern veröffentlichte im Juli 2019 eine Umfrage vom Juni 2019, bei der das Betroffenheit von Flugscham und die Fluggewohnheiten sowie die jeweilige politische PrĂ€ferenz bzw. das Wahlverhalten durch die Forschungsgruppe Wahlen abgefragt wurde. Dabei wurde festgestellt, dass Flugscham am hĂ€ufigsten bei GrĂŒnen-WĂ€hlern auftritt (58 %). Darauf folgen SPD- und Linke-WĂ€hler (52 und 50 %). Am wenigsten litten AfD-WĂ€hler (31 %) unter Flugscham. Paradoxerweise stellte sich heraus, dass die GrĂŒnen-AnhĂ€nger von allen ParteianhĂ€ngern diejenige Gruppe darstellte, die im Vergleichszeitraum am meisten geflogen ist (46 % sind im Jahr vor der Umfrage mindestens einmal geflogen), AfD-AnhĂ€nger am wenigsten (26 %).cite-ref-49[49]
Ab 2023
Nach einer Umfrage des Bundesverbands der deutschen Luftverkehrswirtschaft schĂ€men sich rund 44 % der Deutschen, wenn sie ein Flugzeug benutzen.cite-ref-sch-men-und-kompensation-50-0[50] In einer von Yougov im April 2023 in Deutschland durchgefĂŒhrten Umfrage antworteten 7 % der Befragten auf die Frage: âHaben Sie schon einmal bei Antritt einer Flugreise Flugscham empfunden, also Scham in Bezug auf die Benutzung von Verkehrsflugzeugen?â mit âJa, immerâ (2 %) und âJa, oftâ (5 %). 52 % gaben an, noch nie Flugscham empfunden zu haben. Eine Mehrheit fĂŒr diese Antwortmöglichkeit gab es bei Personen ab 45 Jahren; bei den 18-24-JĂ€hrigen wurde die Antwort âNein, noch nieâ von 38 % der Befragten gegeben.cite-ref-51[51]
In einem âMobilitĂ€t nach COVID-19: zwischen ReisebedĂŒrfnis und Flugschamâ betitelten Artikel wies Deloitte darauf hin, dass die COVID-19-Pandemie zwar weltweit zu einer drastischen Reduzierung der Nachfrage nach FlĂŒgen im zivilen Luftverkehr gefĂŒhrt hatte. Sie habe aber zwei entgegengesetzte Befindlichkeiten nicht beseitigt: das BedĂŒrfnis, eine Flugreise zu unternehmen, und die Flugscham. Dadurch befĂ€nden sich vor allem die jungen Erwachsenen unter den Reisewilligen in einem inneren Zwiespalt: Viele von ihnen wollten einerseits nach dem Ende des internationalen Gesundheitsnotfalls, das die WHO im Mai 2023 verkĂŒndete, nicht auf die ihnen mehrere Jahre lang verwehrte Chance verzichten, die Welt kennenzulernen, andererseits aber nicht zur VerschĂ€rfung des Klimawandels beitragen. Das erklĂ€rt den Widerspruch, dass einerseits bei 28 % der Befragten unter 30 Jahre Alten eigenen Angaben zufolge die Zahl der privaten Flugreisen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit zunehmen werde, andererseits aber 25 % der Altersgruppe die Zahl ihrer Flugreisen reduzieren wollten. Als einen Kompromiss betrachteten es viele, auf Inlandsflugreisen und auf Flugreisen ins nahe Ausland zu verzichten. In allen Ă€lteren JahrgĂ€ngen ĂŒberwiegt die Zahl derjenigen, die nach eigenen Angaben weniger fliegen wollen, deutlich die Zahl derjenigen, die hĂ€ufiger Flugreisen unternehmen wollen.cite-ref-52[52]
Statistiken ĂŒber die Entwicklung von Angebot und Nachfrage im Flugverkehr
Nachfrageseite
Nach Angaben von Airports Council International Europe ist das Wachstum der europĂ€ischen Passagierzahlen 2018 auf 4,3 % zurĂŒckgegangen. Im Vorjahr hatte es noch 6,7 % betragen.cite-ref-53[53]
Zeitgleich mit dem Aufkommen der Diskussionen um Flugscham registrierte das schwedische Eisenbahnverkehrsunternehmen SJ im Jahr 2018 eine deutliche Zunahme von Buchungen fĂŒr innerschwedische NachtzĂŒge, die Flugbuchungen gingen im selben Zeitraum zurĂŒck.cite-ref-taz-artikel-gesamt-54-0[54] So sank seit Beginn des Jahres 2019 die Anzahl der Passagiere nach Angaben des Flughafenbetreibers Swedavia auf schwedischen InlandsflĂŒgen um 8 %; dies entsprach in etwa dem Stand zu Zeiten der Finanzkrise 2008/2009 und wurde zumindest zum Teil auf die Debatte um die Klimakrise zurĂŒckgefĂŒhrt.cite-ref-sued-4649460-55-0[55]
Der Betreiber des Flughafens DĂŒsseldorf erklĂ€rte 2019 das laufende Jahr zum bis dahin besten Verkehrsjahr in der Geschichte des Flughafens.cite-ref-sued-4649460-55-1[55] Auch ist die Zahl der Passagiere von Auslands- und InlandsflĂŒgen im ersten Halbjahr 2019 auf einen neuen Rekordwert gestiegen.cite-ref-56[56] Es wurde geschĂ€tzt, dass von diesen FlĂŒgen weniger als 1 % mit einem CO2-Ausgleich kompensiert worden seien.cite-ref-57[57] Auch die SĂŒddeutsche Zeitung berichtete am 20. November 2019, dass die AktivitĂ€ten von Fridays For Future und die Entstehung von Flugscham bis 2019 keine Auswirkungen auf das Buchungsverhalten deutscher Urlaubsreisender gezeigt hĂ€tten, im Gegenteil sei der ansteigende Trend bei den Mittel- und LangstreckenflĂŒgen nach Angaben namhafter Reiseveranstalter auch 2019 ungebrochen gewesen. Ein leicht schwĂ€cheres Wachstum sei konjunkturell erklĂ€rbar gewesen.cite-ref-58[58]
Eine Umfrage des Verbandes Deutsches Reisemanagement ergab 2022, dass rund 59 Prozent der befragten Betriebe damit rechneten, dass die Zahl der GeschĂ€ftsreisen (auch solche mit Flugzeugen) bei ihnen dauerhaft niedriger als 2019 bleiben werde. Der Hauptgrund hierfĂŒr sei aber nicht Flugscham, sondern die wĂ€hrend der Corona-Pandemie gemachte Erfahrung, dass Videokonferenzen billiger seien als Konferenzen, zu denen Teilnehmer per Flugzeug anreisen (mĂŒssen). Dieser NachfragerĂŒckgang soll durch eine steigende Nachfrage von Urlaubern nach FlĂŒgen kompensiert werden.cite-ref-59[59]
Eine Untersuchung des International Council on Clean Transportation aus dem Jahr 2019 ging der Frage nach, inwiefern man sich fĂŒr das Fliegen schĂ€men sollte (âShould you be ashamed of flying?â). Hierzu wurde die Kundenstruktur US-amerikanischer Passagiere betrachtet. Es zeigte sich hierbei, dass mehr als die HĂ€lfte (53 %) der US-Amerikaner im Beobachtungszeitraum 2017 keinen einzigen Flug angetreten hat, hingegen 12 % der US-Amerikaner mit sechs und mehr FlĂŒgen als Vielflieger klassifiziert wurden und damit fĂŒr 68 % aller Flugreisen verantwortlich waren.cite-ref-60[60] Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass es fĂŒr die meisten US-Amerikaner keinen Grund zur Flugscham gibt, da sie nicht oder fast nicht am Flugverkehr teilnehmen, wĂ€hrend nur ein sehr kleiner Bevölkerungsteil fĂŒr den GroĂteil der durch den Flugverkehr verursachten Emissionen die Verantwortung trĂ€gt.
Angebotsseite
Als weitere wesentliche Ursachen fĂŒr den RĂŒckgang der Nachfrage nach FlĂŒgen werden die Insolvenz der schwedischen Regionalfluggesellschaft Nextjet, in deren Folge viele Inlandsrouten monatelang gar nicht bedient wurden, und die 2018 eingefĂŒhrte Flugsteuer angesehen.cite-ref-stern-47-1[47] Auch Svedavia, Betreiber von 10 FlughĂ€fen in Schweden, fĂŒhrt die zurĂŒckgehenden Fluggastzahlen nur teilweise unmittelbar auf die Klimadebatte zurĂŒck.cite-ref-61[61] Rickard Gustafson, CEO von SAS Scandinavian Airlines, ist ĂŒberzeugt, dass Flugscham maĂgeblich zum RĂŒckgang der Passagierzahlen gefĂŒhrt hat.cite-ref-62[62]
âSchuldiges VergnĂŒgenâ
Eine Untersuchung der UniversitĂ€t Lund beschĂ€ftigte sich mit dem Thema Superemittenten. Sie wies bspw. Bill Gates allein fĂŒr 2017 nach, dass er in dem Jahr 59 FlĂŒge im Privatjet unternahm und ĂŒber 200.000 Flugmeilen geflogen ist.cite-ref-g-ssling-10-000-times-63-0[63] Dies entspricht einem CO2-AusstoĂ in Höhe von 1600 Tonnen. Sein CO2-AusstoĂ entspricht somit dem CO2-AusstoĂ von etwa 10.000 durchschnittlichen Personen.cite-ref-g-ssling-10-000-times-63-1[63] Bill Gates wurde zum AusmaĂ seiner Flugreisen und der Schuld, die er dadurch trage, befragt, da sein Engagement sich auch auf die Ăberwindung der Klimakrise richtet; Gates bezeichnete daraufhin das AusmaĂ seiner Flugreisen als âschuldiges VergnĂŒgenâ (âguilty pleasureâ).cite-ref-64[64]
Initiativen und Methoden zur Förderung alternativer Formen der MobilitÀt
International setzt sich die Initiative Stay Grounded fĂŒr den Verzicht auf Flugreisen ein. Der deutsche Ableger heiĂt Am Boden bleiben.cite-ref-n-tv-20815814-13-3[13] Der Verein Terran versucht in Anlehnung an âveganâ den Begriff âterranâ als âohne Flugzeug unterwegsâ zu etablieren.cite-ref-65[65]cite-ref-66[66]
Berichte ĂŒber Praxiserfahrungen
In Schweden schlossen sich bis November 2018 rund 30.000 Menschen in einer Facebook-Gruppe zusammen, in denen sie ihre Erfahrungen mit dem Bahnfahren teil(t)en. GeschĂ€ftsleute und Ărzte berichteten dort, dass es auch in der Praxis möglich sei, zu zumutbaren Bedingungen nach London oder Frankfurt mit der Bahn zu fahren. Politiker aller Parteien erklĂ€rten, dass sie soweit es geht auf Flugreisen verzichten.cite-ref-taz-artikel-gesamt-54-1[54]
Erzeugung eines schlechten Gewissens bei Flugreisenden
Bei einer Protestaktion am Flughafen Stuttgart zum Sommerferienbeginn 2019 wollten Aktivisten von Fridays For Future den Reisenden ein schlechtes Gewissen machen. Vielen FluggĂ€sten war die Frage nach ihrem Flugverhalten unangenehm. Einige sagten, dass sie nicht mit dem Zug fahren wĂŒrden, weil die Reise zu lange dauere oder sie die Eisenbahn fĂŒr zu unzuverlĂ€ssig hielten. Der Sprecher des Flughafens zeigte VerstĂ€ndnis fĂŒr die Aktion, weil es wichtig sei, fĂŒr den Klimaschutz und damit verantwortungsbewusstes Reisen zu mobilisieren. Die Luftfahrtindustrie mĂŒsse sich um KlimaneutralitĂ€t kĂŒmmern, mittelfristig z. B. mit synthetischen Treibstoffen, langfristig z. B. mit elektrischen Flugzeugen. Aktivisten Ă€uĂerten sich, dass sie selbst nicht mehr oder nur noch vereinzelt in NotfĂ€llen fliegen.cite-ref-67[67]
Der MobilitĂ€tsforscher Stefan Gössling zeigt ein zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis zu BeschĂ€mungsaktionen. Einerseits ist fĂŒr ihn âSchĂ€men [âŠ] psychologisch gesprochen kein gutes Konzept, weil es zu kognitiver Dissonanz fĂŒhrt. D.h. man wird abwĂ€gen[,] ob man Umwelt oder eigene Ziele höher setzt. Man kommt dann vermutlich hĂ€ufiger in die Enge und wird möglicherweise das eigene Verhalten rationalisieren.â
Andererseits sei Flugscham âeigentlich ganz gutâ: Denn sie zwinge âuns alle[,] uns mit uns selbst auseinander zu setzen [sic!], was wir eigentlich so machen.âcite-ref-68[68]
Flugscham als Teil der Philosophie von Institutionen
Als eine der ersten deutschen Hochschulen strich die Berliner Hochschule fĂŒr Technik und Wirtschaft (HTW) im Jahr 2019 alle KurzstreckenflĂŒge; Dienstreisen sind nun durch klimafreundlichere Transportmittel zu ersetzen.cite-ref-69[69] Auch gab in einer Erhebung aus dem Jahr 2019 ein FĂŒnftel aller wissenschaftlichen Mitarbeiter der Humboldt-UniversitĂ€t zu Berlin an, auf KurzflĂŒge verzichten zu wollen.cite-ref-70[70] Auch mehrere Hundert Mitarbeiter der Freien UniversitĂ€t Berlin unterzeichneten eine entsprechende SelbsterklĂ€rung.cite-ref-71[71] Das Start-Up Klarna schickte im September 2019 seine 600 Stockholmer Mitarbeiter mit Bus und Bahn zu einer Betriebsfeier in Berlin; Nordea, der gröĂte schwedische Finanzkonzern, hat KurzstreckenflĂŒge gestrichen.cite-ref-sued-4649460-55-2[55]
âZug statt Flugâ
In der Schweiz löste die Flugreise einer Basler Delegation nach Hamburg zum Studium des dortigen öffentlichen Verkehrs eine Debatte aus und fĂŒhrte dazu, dass Politikern und Staatsangestellten des Kantons Basel-Stadt Flugreisen bis zu einer Distanz von 1000 Kilometern untersagt wurden. Die neue Devise lautet: âDer Kluge fĂ€hrt mit dem Zuge.âcite-ref-72[72] Der Bundesrat will den CO2-AusstoĂ von Flugreisen der Bundesverwaltung bis 2030 um 30 Prozent senken. Dazu wurde ein Aktionsplan beschlossen, welcher ab Mitte 2020 von allen Verwaltungseinheiten der Bundesverwaltung umgesetzt wird. Dieser sieht vor, dass bei einer Reisezeit von unter sechs Stunden grundsĂ€tzlich mit dem Zug gereist werden muss.cite-ref-73[73] Ein Verbot von Inland-LinienflĂŒgen lehnte der Bundesrat jedoch ab.cite-ref-74[74]
International setzt sich die Initiative Stay Grounded fĂŒr den Verzicht auf Flugreisen ein. Der deutsche Ableger heiĂt Am Boden bleiben.cite-ref-n-tv-20815814-13-4[13] Der Verein Terran versucht in Anlehnung an âveganâ den Begriff âterranâ als âohne Flugzeug unterwegsâ zu etablieren.cite-ref-75[75]cite-ref-76[76]
Der internationale Schienenpersonenfernverkehr soll nach dem Motto »Zug statt Flug« verstĂ€rkt gefördert werden. Dazu fĂ€llten die Verkehrsminister aus Deutschland, Frankreich, Ăsterreich und der Schweiz im Dezember 2020 einen Grundsatzentscheid, und die vier Staatsbahnen SBB, DB, ĂBB und SNCF unterzeichneten eine entsprechende AbsichtserklĂ€rung.cite-ref-77[77]
Eine entscheidende Voraussetzung fĂŒr das Gelingen der Strategie âZug statt Flugâ ist es, dass das Angebot der Bahn als hinreichend attraktiv im Vergleich zu dem von Luftverkehrsgesellschaften erscheint, insbesondere was die Dauer der aufzuwendenden Zeit âvon HaustĂŒr zu HaustĂŒrâ betrifft.cite-ref-78[78]
Kompensationsmodelle
Im Jahr 2011 wurde die âKlima-Kollekte gGmbHâ gegrĂŒndet, ein Kompensationsfonds christlicher Kirchen in Deutschland.cite-ref-79[79] Im Jahr 2018 nahm âKlima-Kollekteâ 876.013 Euro fĂŒr die CO2-Kompensation ein. Mit dem eingenommenen Geld wird der Ausbau erneuerbarer Energien finanziert beziehungsweise die Steigerung der Energieeffizienz gefördert. Unter dem Motto âVermeiden â Reduzieren â Kompensierenâ flossen etwa 46 Prozent der Spendeneinnahmen in die Kompensation von Flugreisen.cite-ref-80[80]
Im Jahr 2018 initiierte die Internationale Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) ein globales System zur Verrechnung der COâ-Emissionen des internationalen Luftverkehrs unter dem Namen CORSIA (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation).cite-ref-81[81] Die Pilotphase des Systems begann im Januar 2021. Die EU verpflichtet sich, das System der COâ-Kompensationspflichten umzusetzen.cite-ref-82[82]
Rolle des Staates als Setzer von Rahmenbedingungen
Die Reduzierung der Passagierzahlen im Luftverkehr und der Zahl der FlĂŒge ist ein zentrales umweltpolitisches Anliegen. Eine praktikable Methode besteht darin, Anreize zu setzen, die den Homo oeconomicus in den Reisewilligen veranlassen, seine Nachfrage nach dem politisch unerwĂŒnschten Angebot zu reduzieren. Die erprobtesten Methoden sind eine kĂŒnstliche Verteuerung des Angebots (vor allem durch Steuern und Abgaben) sowie die Setzung von Rahmenbedingungen, die einige Anbieter veranlassen, sich âfreiwilligâ (wegen der mangelnden RentabilitĂ€t ihres Angebots) vom Markt zurĂŒckzuziehen. Solche MaĂnahmen können mit der Förderung solcher Angebote verbunden werden, die tatsĂ€chlich die CO2-Belastung durch den stattfindenden Luftverkehr nachhaltig und in hinreichendem Umfang reduzieren. In diesem Sinn stellt Stefan Gössling fest: âWir mĂŒssen uns daran gewöhnen, dass Flugverkehr teurer werden wird, wesentlich teurer. Das heiĂt ĂŒberhaupt nicht, dass es keinen Flugverkehr mehr geben wird, sondern, dass wir genauer abwĂ€gen[,] wann und wie wir fliegen und wie lange wir bleiben.âcite-ref-83[83]
Auch ist es Staaten erlaubt, MaĂnahmen wie ein Verbot von InlandsflĂŒgen rechtlich durchzusetzen. In Frankreich wurde z. B. der Betrieb von Inlandsfluglinien verboten, die Ziele ansteuern, welche durch den Bahnverkehr in maximal zweieinhalb Stunden erreicht werden können.cite-ref-84[84]
Alle in diesem Abschnitt genannten Methoden könnten sich auch dann als wirksam erweisen, wenn kaum jemand tatsÀchlich zu seinem Handeln durch Flugscham motiviert wÀre.
MaĂnahmen zur Verhinderung und RĂŒckdrĂ€ngung von Flugscham
Bewertung rĂŒcklĂ€ufiger Fluggastzahlen als Schaden
Im Juni 2019 befasste sich die International Air Transport Association (IATA) in Seoul auf ihrer jĂ€hrlichen Tagung ausfĂŒhrlich mit der Frage, wie sie auf das PhĂ€nomen Flugscham reagieren solle. Der Leiter der IATA, Alexandre de Juniac, ging davon aus, dass Flugscham weiter wachsen werde, wenn man ihr nicht begegne (âUnchallenged, this sentiment will grow and spreadâ).cite-ref-85[85] Dass eine BekĂ€mpfung der Ausbreitung der Flugscham notwendig sei, setzte er dabei als selbstverstĂ€ndlich voraus. Im November 2019 kĂŒndigte die IATA an, eine mit einem Millionen-Budget versehene Werbekampagne unter dem Namen âFly awareâ (âBewusst fliegenâ) zu starten, in der die schon erreichten Fortschritte sowie die zukĂŒnftigen Verpflichtungen hervorgehoben werden sollten.cite-ref-86[86]
Die GroĂbanken UBS und Citigroup bewerteten einen möglichen Erfolg der Flugscham-Bewegung als Risiko fĂŒr das GeschĂ€ft der Luftfahrtindustrie. Auf dieses reagiert die Branche teils mit dem Versprechen, alternative Kraftstoffe entwickeln zu wollen, teils versprechen auch sie, Emissionen zu kompensieren.cite-ref-87[87]cite-ref-cbs-flight-shame-88-0[88]
Konkret kĂŒndigten Fluggesellschaften 2019 an, die CO2-Belastung aller FlĂŒge oder eines Teils von ihnen automatisch zu kompensieren (z. B. Braathens, seit 2009 vollstĂ€ndig in SAS Norge integriert). Die skandinavische SAS verspricht, fĂŒr ihre Stammkunden CO2-Emissionen automatisch auszugleichen, solange die Tickets ĂŒber ihr Vielfliegerprogramm gebucht werden. Die TUI garantiert, die CO2-Belastung aller FlĂŒge automatisch zu kompensieren, wenn der Ticketinhaber seinen Wohnsitz in Skandinavien hat.cite-ref-sch-men-und-kompensation-50-1[50] Easyjet kĂŒndigte im November 2019 an, die CO2-Belastung aller FlĂŒge kompensieren zu wollen. Dabei ist sich das Unternehmen bewusst, dass Kompensation das Emissionsproblem nicht löst.cite-ref-89[89]
Im Januar 2023 bewertete National Geographic Deutschland die Hoffnung auf ein Verschwinden der Flugscham auf FlĂŒgen im Inlands- und Regionalluftverkehr durch technischen Fortschritt als realitĂ€tsgerecht. Das Magazin stellt aber auch ausdrĂŒcklich fest: âDie E-Flugzeuge werden in nĂ€herer Zukunft allerdings nicht auf Langstrecken eingesetzt werden â dazu sind ihre Akkulaufzeiten zu kurz.âcite-ref-90[90]
Konzentration auf KurzstreckenflĂŒge als Objekt von Flugscham
Brot fĂŒr die Welt und tourism-watch.de beobachteten im September 2019 zwei gleichzeitig vor allem bei jungen Leuten zu beobachtende Strömungen: einer davon gaben sie den Namen âGeneration Gretaâ, der anderen den Namen âGeneration Easyflyâ. Beide Strömungen könnten in derselben Einzelperson koexistieren, und zwar in der Form, dass âjunge Menschen, die freitags fĂŒr Klimaschutz demonstrieren[,] trotzdem auch mal fliegenâ. Sie wĂŒrden âzu rational entscheidenden Multi-Mobilisten in Sachen Reisen, die fĂŒr das Klima seltener mit dem Flugzeug, dafĂŒr öfter mit dem Zug, dem Bus oder der Mitfahrgelegenheit in den Urlaub reisen.âcite-ref-91[91]
Die angefĂŒhrten Beispiele legen den Schluss nahe, dass es bei ihnen nicht um den Verzicht auf LangstreckenflĂŒge geht. Diese stellen aber das gröĂte Problem bei der Reduktion von CO2-Emissionen dar: Zwar legen nur 6,2 Prozent der FlĂŒge eine Strecke von mehr als 4000 Kilometer zurĂŒck; diese FlĂŒge verursachen aber mehr als die HĂ€lfte der Emissionen,cite-ref-92[92] die zudem durch technische Innovationen nur schwer vermeidbar sind. Zudem ist eine PrĂ€ferenz zur Benutzung von Schiffen im Passagierverkehr nach Ăbersee wegen der langen Dauer der Ăberfahrt nur schwer herstellbar. Ein genereller Verzicht auf Flugreisen kĂ€me im Hinblick auf solche Ziele bei den meisten einem Verzicht gleich, das Reiseziel im Laufe des Lebens ĂŒberhaupt aufzusuchen.
Der oben angefĂŒhrte Vorschlag: âSeltener mit dem Flugzeug, dafĂŒr öfter mit dem Zug, dem Bus oder der Mitfahrgelegenheit in den Urlaub reisenâ kann zwar nicht zu einer Reduktion der Gesamtemission von CO2 durch den Luftverkehr auf Null fĂŒhren. Er reduziert diese aber erheblichcite-ref-93[93] und verringert darĂŒber hinaus die Zahl der FĂ€lle, in denen Durchschnittsreisende der Versuchung erliegen, ein Flugzeug zu benutzen. Aus der Sicht der meisten Individuen, die bislang FlĂŒge buchten, stellen LangstreckenflĂŒge nicht den Regelfall dar.
TrĂ€fe die oben referierte Prognose von National Geographic zu, dann bestĂŒnde laut NG kein Anlass, bei der Benutzung von Flugtaxis und anderen innovativen Methoden der Nutzung des Luftraums im Kurzstreckenverkehr Flugscham zu entwickeln, wenn der betreffende Verkehr tatsĂ€chlich emissionsfrei wĂ€re.
Weitere Scham-Bezeichnungen mit KlimaerwÀrmungsbezug
Im Juni 2021 wurden PlĂ€ne von BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen zu einer âĂkosozialen (Verkehrs)Wendeâ als Forderung nach einer âneue[n] Fossilschamâ interpretiert. Hintergrund ist die Erweiterung von Geboten, die das Verhalten bezĂŒglich der Inanspruchnahme von Fluggelegenheiten betreffen, um solche, die sich auf PrĂ€ferenzen fĂŒr die Benutzung privater, durch fossile Kraftstoffe angetriebener Fahrzeuge beziehen.cite-ref-94[94] Der Begriff wird im deutschen Sprachraum nur sehr selten benutzt.
Weblinks
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âą Imogen West-Knights: Why the flight-shaming movement sweeping Europe wonât take off in the UK. In: New Statesman. 8. Oktober 2019; abgerufen am 20. November 2019 (englisch, enthĂ€lt u. a. Begriffsdefinition und frĂŒhe Entstehungsgeschichte des Wortes Flugscham).
âą Utopia.de: Flugscham: Flugverzicht fĂŒr den Klimaschutz. 1. Juni 2022
âą MobilitĂ€t nach COVID-19: zwischen ReisebedĂŒrfnis und Flugscham deloitte.com. 2023
⹠Christine Leitner: SchÀmen Sie sich denn gar nicht (mehr)?. In: stern.de. 8. November 2025
Einzelnachweise
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cite-note-55. â Klaus Raab: Flugscham: Der dumme WeltbĂŒrger. In: Die Zeit. 17. Mai 2019, abgerufen am 22. November 2019: â⊠weil offensichtlich fĂŒr viele sofort verstĂ€ndlich ist, was sie [die Flugscham] beschreibt: die Scham darĂŒber, auf Kosten aller die Kontrolle ĂŒber seinen ökologischen FuĂabdruck verloren zu haben.â
cite-note-66. â Friedrich W. Stallberg: âKönigswegeâ der EntwĂŒrdigung. In: Soziologie der WĂŒrde: Eine EinfĂŒhrung in ihre ProblemzugĂ€nge, Analysen und Befunde. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-40208-2, S. 83â95.
cite-note-88. â Sebastian Reuter: Segeltörn ĂŒber Atlantik: FĂŒr Greta Thunberg wird es keine angenehme Reise. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 14. August 2019, abgerufen am 23. November 2019.
cite-note-99. â Klimaneutral ĂŒber den Atlantik â Greta segelt wieder. In: Deutsche Welle. 13. November 2019, abgerufen am 23. November 2019.
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cite-note-1414. â Schweden meiden FlĂŒge: Auf Schiene verreisen â oder gar nicht. In: taz.de. 17. November 2018, abgerufen am 29. Januar 2019 (Der Bericht stammt aus 2018, âseit zwei Jahrenâ ergibt 2016): âSeit zwei Jahren ist niemand in der Familie mehr geflogen.â
cite-note-1515. â Imogen West-Knights: Why the flight-shaming movement sweeping Europe wonât take off in the UK. In: New Statesman. 8. Oktober 2019, abgerufen am 23. November 2019 (englisch): ââFlysgskamâ ⊠started to gain prominence in late 2017 when various Swedish celebrities pledged to give up air travel.â
cite-note-spr-ktidningen-2019-1616. â HĂ€r Ă€r nyorden som stegat in i svenskan! In: SprĂ„ktidningen. 2019, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 15. Februar 2019; abgerufen am 15. Februar 2019 (schwedisch). Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemÀà Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/spraktidningen.se Schwedische Definition im Original: âkĂ€nsla av att det ur miljösynpunkt Ă€r en förkastlig handling att flygaâ
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